I. Sprachwandel im Kommunikationszeitalter

Es war der altgriechische Philosoph Heraklit, der schon um 500 v.Chr. lehrte, daß "alles" in dieser Welt "fließe", d.h. sich in einem ewigen Prozeß des Werdens und Wandelns befinde: "panta rhei" (dt. "alles fließt"). Der Bezug zur Sprache liegt dabei in dem allumfassenden Subjekt des Zitates; nämlich in dem Wort alles, wonach sämtliche Sprachen den Einflüssen der Kultur und damit den sich ständig ändernden Lebensbedingungen unterliegen.

Obwohl wir noch heute in den verschiedenen Sprachen gemeinsame Wurzeln erkennen können, entwickelten diese sich doch so weit auseinander, daß sie ohne Kenntnis der sprachindividuellen Konventionen, also deren Lexikon und Syntax, unverständlich geworden sind. Ohne Sprachunterricht in der entsprechenden Fremdsprache würde kein Deutscher Französisch, kein Engländer Spanisch und kein Italiener Schwedisch verstehen.

Andererseits übernahmen und übernehmen Sprachen immer wieder einzelne Wörter, Wortgruppen oder sogar vollständige Redewendungen voneinander, wobei die Motive für die Übernahme durchaus unterschiedlich sind. So werden Wörter übernommen, für die die eigene Sprache keine oder nur eine unzureichende Entsprechung besitzt. Aber auch der bloße Klang eines Fremdwortes kann die Ursache für eine "Fremdwortadoption" sein, um etwa gesteigerte Aufmerksamkeit zu erzielen oder den Eindruck weltmännischer Bildung zu schinden.

Vor allem in Fachsprachen treten gehäuft als Termini genutzte Fremdwörter auf. Nicht selten sickern solche Ausdrücke in die Alltagssprache, wo sie einen "Verfremdungseffekt" in Form eines "terminisierten" Stilzuges auslösen.

In dieser Arbeit stehen die Art und der Gebrauch von Anglizismen, den Fremdwörtern englischen oder amerikanischen Ursprungs, im Mittelpunkt sowie deren Konkurrenz mit entsprechenden deutschen Fachausdrücken. Englische Termini besitzen hier zweifelsfrei eine Vormachtstellung, weil die mit Mikrochips aufgebauten Computer und viele damit verbundene bahnbrechende Erfindungen in Silicon Valley, Nordamerika entwickelt worden sind.

Zwar wird der Wirkungsbereich der Kommunikations- und Informationstechnologie auf das Segment des Internets begrenzt. Dennoch kommt heute dem Internet eine exemplarische wie symptomatische Bedeutung zu, weil es durch seine weltweite Nutzbarkeit nahezu allen Alters- und Gesellschaftsschichten verfügbar geworden ist. Hier kommt es im Augenblick zu einer wahren Flut von Anglizismen – sinnvollen wie überflüssigen – und gleichermaßen zu der Anregung, Erkenntnisse für die allgemeine Wortschatz- und Fremdwörterdidaktik zu gewinnen, die sowohl im Deutsch- und Informatikunterricht als auch in der Kommunikation Erwachsener bedeutungsvoll sind.

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    1. Anglizismen als Modeerscheinung der Standardsprache

Fremd- und Lehnwörter sind nicht nur innerhalb der deutschen Sprache kein neues Phänomen. Religion und Wissenschaft brachten vor allem Wörter aus dem Griechischen und Lateinischen zu uns. Sie haben sich durch häufigen Gebrauch etabliert und in Aussprache und Schreibweise dem Deutschen angeglichen. Wenn eine "morphologische, phonologische oder orthographische Angleichung" an das Deutsche vorliegt, spricht man von Lehnwörtern. Weil sie deutschen Wortformbildungsregeln gehorchen, ist ihnen ihre fremde Herkunft meistens erst auf den zweiten Blick anzusehen. Wörter, wie zum Beispiel das Wort Wein (von lat. vinum), deklinieren wir genauso wie jedes andere deutsche Substantiv. Manchmal haben Lehnwörter sogar mehrere Sprachen durchlaufen. Wenn wir beispielsweise aus dem Englischen Lehnwörter entnehmen, so handelt es sich dabei nicht selten um Wörter lateinischen Ursprungs, die praktisch drei Sprachzugehörigkeiten aufweisen (dt. Prozessor, engl. Processor, lat. procedere = ablaufen).

Im Gegensatz dazu behalten Fremdwörter weitestgehend ihre ursprüngliche Sprachform. Substantivische Fremdwörter bilden ihren Plural nach den Regeln der Sprache, aus der sie stammen; andere lassen daneben eingedeutschte Varianten zu (Sing.: Komma, Plur.: Kommata oder Kommas). Die grammatische Ähnlichkeit lateinischer Wörter mit deutschen Wörtern in bezug auf Schreibung und Klang ermöglicht es, sie als Fremdwörter zu nutzen, ohne eine Eindeutschung vornehmen zu müssen (vgl. Konsens oder Tenor). Wörter aus dem Französischen weichen in ihrer Laut- Buchstaben- Beziehung meist jedoch so stark von deutschen Formen ab, daß zumindest ihre Schreibung angeglichen wird (frz. Cheque wird zu Scheck). Die Aussprache wird dann meistens noch zusätzlich an das Deutsche angepaßt.
Generell gilt das zu französischen Fremd- und Lehnwörtern Gesagte für aus dem Englischen übernommene Wörter, den Anglizismen, nicht in gleicher Weise: Gerade bei den jüngst übernommenen Wörtern bildet sich die Tendenz heraus, daß weder eine Anpassung in der Schreibung, noch in der Aussprache an das Deutsche vorgenommen wird. Wir bemühen uns, Hypertext und Real-Audio englisch auszusprechen, obwohl eine deutsche Aussprache ohne weiteres möglich wäre.
Zudem kommen immer mehr Anglizismen dort zum Einsatz, wo es bereits etablierte deutsche Wörter gibt und damit der Einsatz von Fremdwörtern unnötig wäre (Loser statt Verlierer, Highlight statt Höhepunkt). Damit erhält das Deutsche einen völlig veränderten Klang. Französische Fremdwörter kommen wesentlich seltener zum Einsatz – meistens nur dann, wenn die deutsche Entsprechung wenig gebräuchlich ist (Portemonnaie gegenüber Geldbörse). Sie nehmen mit deutlichem Abstand den zweiten Platz nach den Anglizismen bezüglich ihrer Häufigkeit ein.
Apropos Häufigkeit: "Gerade einmal fünfzig ‚Germanismen‘ schafften den Sprung über den großen Teich, dazu gehören beispielweise Begriffe wie ‚Gesundheit!‘ (wenn jemand niest) und ‚deutsche Gemütlichkeit‘ (wenn besonders viel Bier getrunken wird). Umgekehrt wurden einige tausend Worte in den deutschen Sprachschatz übernommen, obwohl er dem englischen an Ausdrucksmöglichkeiten sicherlich nicht unterlegen ist. Da ist die Frage schon berechtigt, warum die Sprachbewegung so einseitig von Westen nach Osten verläuft."

Wie zur Zeit des Barock, in der man die deutsche Sprache mit französischen Fremdwörtern bis zu Unkenntlichkeit und Lächerlichkeit "verzierte", geschieht dies momentan mittels Anglizismen. Voltaire schrieb in einem Brief 1750 bei einem Besuch Friedrichs des Großen in Berlin: "‘Ich bin hier in Frankreich. Man spricht ausschließlich unsere Sprache. Deutsch ist nur für den Umgang mit Soldaten und Pferden nötig.‘"
Diese Modeerscheinung verschwand mit der Besetzung der Truppen Napoleons genau so rasch, wie sie kam. Französisch ist die Sprache von Kunst, Mode und Küche, Paris das Sinnbild für Extravagantes und Chick. In der aktuellen Standardsprache sind französische Begriffe meist in diesem Bereich anzutreffen. Die Zahl der Lehnwörter liegt ebenfalls weit unter der der alten Sprachen oder solcher aus dem Englischen.
Das wachsende Nationalbewußtsein zeigte sich im zunehmenden Gebrauch der deutschen Sprache bei Gelehrten. Kant verfaßte seine "Kritik der reinen Vernunft" schon auf Deutsch, während seine Dissertation noch in lateinischer Sprache abgefaßt war. So entstanden auch im 19. Jahrhundert die wichtigsten Werke zur Entstehung und Struktur der deutschen Sprache.
Angesichts der literaturhistorischen Fakten hat die Frage nach der Abhängigkeit einer "reinen" Muttersprache von nationalem Selbstbewußtsein nur noch rhetorischen Charakter inne, zumal es an weiteren Indizien kaum mangelt.

Der Höhenflug des Nationalbewußtseins der Deutschen fand mit den beiden verlorenen Weltkriegen ein jähes Ende. Hatten die Nationalsozialisten noch angestrebt, die deutsche Sprache restlos von sämtlichen Fremdwörtern zu "bereinigen", begann sich der Einfluß des Englischen unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg kontinuierlich zu vergrößern. Die Amerikaner wurden als Befreier Deutschlands, als "Stifter des fairen Friedens" in Europa schnell zu Helden stilisiert. Ihre Mode und Musik schlugen Generationen in ihren Bann. Die meisten wichtigen deutschen Wissenschaftler lebten fortan bevorzugt in Amerika und publizierten in englischer Sprache. Aber auch die Vertreibung und Ermordung der Juden, die sich bei ihren Veröffentlichungen gern der deutschen Sprache bedienten, bedeutete für die deutsche Wissenschaftselite einen empfindlichen Verlust. In der Nachkriegszeit bekam die amerikanische Gesellschaft einen modernen, liberalen Ruf mit Vorbildcharakter. Daran änderte auch der Vietnamkrieg auf lange Sicht kaum etwas.

Wer Anglizismen einsetzt und damit seinen Worten einen modernen, jugendlichen und internationalen Klang zu verleihen hofft, wurde häufig in dieser Hoffnung bis auf den heutigen Tag bestätigt. Es scheint folglich im Trend der linguistischen Entwicklung zu liegen, die Kommunikation "anglizismisch" anzureichern und durch den Einsatz von Kürzungen zu rationalisieren.

Im Zuge der politischen und wirtschaftlichen Globalisierung wird Englisch immer mehr zur Weltsprache; deshalb sind gute Englischkenntnisse obligatorisch geworden. Quellen jeglicher Art werden uns auf Englisch präsentiert und transportieren gerade im technischen Bereich immer neue Vokabeln in unser Lexikon, für die wir oft keine deutsche Entsprechung kennen. In anderen Fällen deckt der deutsche Ausdruck hingegen zu deutlich die Banalität des Anglizismus auf (Beispiel: Joint venture bedeutet nichts weiter als Firmenzusammenschluß, Equipment heißt nur Ausrüstung). Hier kann der Sprecher durch Anglizismen seinen Worten – wenn auch nur scheinbar – mehr Gewicht verleihen. Verfolgt man die gegenwärtige Diskussion zum Fremdwörtergebrauch, so beziehen sich die meisten Artikel der Illustrierten und Sprachschützervereine ausschließlich auf Anglizismen. Offenbar scheint der Gebrauch von Anglizismen anders als der anderer Fremdwörter bewertet zu werden.

Je nach Herkunft schreiben wir Fremdwörtern ein bestimmtes Image zu. Griechische und lateinische Fremdwörter erwecken die Assoziation im Zuhörer, daß es sich beim Sprecher um eine gebildete, belesene Person handelt. War Latein an Gymnasien einst ein Pflichtfach, so kann heute Französisch als Ersatz gewählt werden. Altgriechisch findet sich nur noch im Fächerkanon weniger, altsprachlich orientierter Gymnasien. Real- und Hauptschulen boten Latein und Griechisch nie auch nur als Option an. Damit liegt es auf der Hand, daß ein Sprecher zumindest ein Abitur innehat, wenn er solche Fremdwörter einsetzt und auch noch den Regeln der alten Sprachen entsprechend flektieren kann. Nichtabiturienten setzen oft ein bestandenes Abitur mit dem Vorhandensein einer ausgeprägten Allgemeinbildung gleich. Diese Ansicht ist interessanterweise genauso verbreitet wie zweifelhaft. Wenige Zuhörer wagen es, das Nichtverstehen solcher Wörter zuzugeben, weil sie damit ihre eigenen Bildungslücken offen zur Schau zu stellen glauben. Die Angst, ein Zuhörer könnte die Unkenntnis der Bedeutung eines Fremdwortes beim Sprecher entlarven, verhindert zusätzlich deren Gebrauch von Menschen, die nicht in den Genuß altsprachlichen Schulunterrichts gekommen sind. Damit wird klar, warum die alten Fremdwörter eine glänzende, elitäre Aura umgibt.

Die Zahl der Anglizismen, die die deutsche Sprache "bereichern" nimmt stetig zu; nicht zuletzt durch das neue Medium Internet.
Die Sorge um den Verlust der Identität unserer Muttersprache – oder zumindest deren Abwertung – wird inzwischen sogar in Illustrierten, wie im Stern oder im Focus diskutiert. Der Stern verleiht seit 1997 den Titel "Sprachpanscher des Jahres". Es erhalten ihn solche Deutsche, die ihre Muttersprache unnötig und stillos mit Fremdwörtern aller Art, vorrangig aber mit Anglizismen, befrachten. Den ersten Titel bekam die Hamburger Modeschöpferin Jil Sander verliehen. Das im Stern abgedruckte Zitat spricht für sich: "‘Mein Leben ist eine giving-story. Ich habe verstanden, daß man contemporary sein muß, das future-denken haben muß. Meine Idee war, die hand-tailored-Geschichte mit neuen Technologien zu verbinden. Und für den Erfolg war mein coordinated concept entscheidend, die Idee, daß man viele Teile einer collection miteinander combinen muß.‘"
Der Spott über solche Äußerungen und der damit verbundene Image- Schaden veranlaßte die Designerin dazu, öffentlich zu geloben, künftig richtiges Deutsch zu sprechen. Die Absicht, durch Verwendung von Anglizismen modern und international zu wirken, verkommt hier zur Posse, die auch der breiten Öffentlichkeit nicht entgeht. Für derartig verunstaltetes Deutsch hat sich der Terminus Denglisch etabliert.

Indes entstehen Vereine, die sich für die Rettung und den Erhalt der deutschen Sprache einsetzen. Sie sind Ausdruck der durch Stammtischdiskussionen hervorgerufenen Unsicherheit der Bevölkerung. Der wohl bekannteste ist der VWDS, der "Verein zur Wahrung der deutschen Sprache". Er wendet sich gegen den übermäßigen Gebrauch von Anglizismen in der Alltagssprache und Werbung, fordert zum Boykott von Produkten auf, für die mittels Anglizismen geworben wird und liefert selbst entwickeltes deutsches Wortmaterial, das sogar erprobte Anglizismen entthronen soll. Die selbsternannten Sprachschützer gehen dabei meiner Meinung nach einige Schritte zu weit:
Zum einen erfinden sie deutsche Entsprechungen für Anglizismen, die längst deutsche Entsprechungen besitzen, oder solche deutsche Begriffe, die semantisch nicht vollständig mit dem Anglizismus übereinstimmen. Der VWDS möchte für booten ersatzweise in Gang setzen einführen, obwohl hochfahren längst gebräuchlich ist. Ersetzt man im Sinne des Vereins Software-Engineering durch Softwaretechnik, so bezeichnet man nur noch eine Teilmenge des ursprünglich Gemeinten. Die genannten Vorschläge lassen auf mangelnde technische Kenntnis bezüglich der Gegenstände schließen, die in der EDV mittels Anglizismen präzise bezeichnet werden und nichts mit dem übertriebenen Einsatz der Anglizismen in der Standardsprache zu tun haben. Es handelt sich um Begriffe einer Fachsprache!
Zum anderen wirbeln die Sprachschützer, unter denen sich auch "echte" Sprachforscher befinden, linguistische Termini wild durcheinander; was nicht gerade deren Glaubwürdigkeit steigert. Die Begriffe Dialekt und Tiefencode etwa werden nicht ihrer üblichen Bedeutung nach eingesetzt. Nicht nur der Name des Vereins, sondern auch dessen positive Einstellung gegenüber dem Beschluß der französischen Regierung, einen übermäßigen Gebrauch von Anglizismen in der Werbung mit Geldstrafen zu ahnden, rückt den VWDS in ein unangenehm nationalistisches Licht. Offenbar ist das eigene negative Image dem Verein nicht entgangen; ein neuer Name ist geplant. Ob eine Umbenennung ausreicht, die Anliegen statt auf Stammtischniveau als sachliche Diskussion zu präsentieren, sei dahingestellt.

Durch Anglizismen verursachte Sorge um unsere Muttersprache kam allerdings schon früher auf. "Der Schulmeister Herman Dunger wetterte beispielsweise 1899: ‚Mit dem immer wachsenden Einfluß anglischen Wesens mehren sich neuerdings in bedenklicher Weise die Zahl der aus dem Englischen stammenden entbehrlichen Fremdwörter. Auch in dieser Spracherscheinung treten die alten Erbfehler des deutschen Volkes wieder hervor: Überschätzung des Fremden, Mangel an Selbstgefühl, Mißachtung der eigenen Sprache.‘"
Bemerkenswert ist die Begründung für die Flut der Anglizismen. Sie entspricht absolut der landläufigen heutigen Auffassung. Die Anglizismen jener Zeit stammten vorrangig aus England und waren Ausdruck des damaligen Vorsprungs in der Industrialisierung.

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    2. Die Bedeutung der Kommunikationstechnologie

Niemals zuvor konnte der Mensch Texte, stehende oder bewegte Bilder und sogar Musik aus aller Welt beziehen, ohne dabei sein Haus zu verlassen. Es sind weder der Gang in die Bibliothek, noch eine aufwendige Antenne für den Empfang entfernter Radiosender erforderlich. Man benötigt lediglich einen mäßig leistungsfähigen Computer, ein Modem und eine Telefonleitung. Die Kosten einer solcher Anlage liegen inzwischen unter DM 1000,--, sind also in der Anschaffung mit einem handelsüblichen Fernseher vergleichbar. Üblich sind z.Zt. Verbindungsentgelte zwischen 3 und 6 Pfennig je Minute, wobei sowohl die Nutzung des Zugangs als auch die Telefonverbindung eingeschlossen sind. Damit steht nahezu allen Bevölkerungsschichten der Anbindung an das Internet – zumindest finanziell – nichts im Wege. Die Firma Cisco Systems, Hersteller aller großen Server des Internets, hat einen ungefähren Überblick über das tatsächliche Volumen des WWW. In Deutschland haben demnach im Jahr 1998 über 10 Millionen Menschen das Internet genutzt, für 1999 prognostizieren die Experten insgesamt 16 Millionen deutsche Besucher. Während allein die Deutschen bereits 1998 1,7 Milliarden US-Dollar durch Warenkäufe im Internet umsetzten, soll sich dieser Wert für 1999 nach Expertenmeinungen mehr als verdreifachen. T-Online, der größte Internetprovider Europas, bediente nach eigenen Angaben 1998 2,5 Millionen Kunden, was gegenüber 1990 eine Verzehnfachung ausmacht. Jeden Monat sollen 70.000 neue Kunden hinzukommen. Nirgendwo sonst ist in der Wirtschaft auch nur ein entfernt vergleichbares Wachstum zu verzeichnen.

Doch das Internet vermag mehr als bloß Informationen zu vermitteln. Der Nutzer kann selbst Informationen verschicken, veröffentlichen, auf Fragen antworten, ja sogar an bestimmten Diskussionen teilnehmen, den sogenannten Chats.

Eine erste Keimzelle von "Internet" entstand zur Zeit des Kalten Krieges 1969 in den USA. Das Verteidigungsministerium errichtete das ARPAnet (Advanced Research Projects Agency Net), dessen Aufgabe es war, selbst bei teilweise zerstörtem Netz noch kommunizieren zu können. Zu dessen Verwirklichung mußte man das Konzept eines Netzwerkes überdenken. Herkömmliche Netzwerke (Client-Server-Systeme) besitzen einen Hauptrechner (engl. Server), an den alle anderen Rechner (engl. Client) direkt angeschlossen sind. Fällt eine Leitung aus, kann der betroffene Client keine Verbindung mehr aufbauen, bei Ausfall des Servers steht das gesamte Netzwerk still. Das ARPAnet brauchte also eine dezentrale Kommunikationsstruktur, mußte auf gleichberechtigten Rechnern basieren, die alle untereinander vernetzt waren und damit ausgefallene Leitungen substituieren konnten; das einem Spinnennetz gleichende Backbone-Netzwerk wurde erfunden (Backbone = Rückrad).Die Nachteile des Backbone-Netzwerkes sind viele redundant verlegte Verbindungen und die geringe Geschwindigkeit bei Verbindungsaufbau und Datendurchsatz, da die Route für den Datenstrom erst gefunden und dann während des Transfers mehrmals geändert werden muß. Hängt die Leistung eines Client-Server-Netzwerkes nur unmittelbar von der Leistung des Servers ab, dann bestimmen viele kleine, möglicherweise leistungsschwache Server die Leistung des Backbone-Netzwerkes nach dem Prinzip des schwächsten Gliedes in der Kette. Diese Nachteile sind im Internet heute noch deutlich spürbar.
Anders, als bei anderen militärisch motivierten Erfindungen, die erst sekundär der Zivilbevölkerung zugute kamen, war im Falle des ARPAnet die zusätzliche nichtmilitärische Verwendung von Anfang an geplant; durch den Anschluß der Großrechner der nordamerikanischen Universitäten. Kleinere, aber vergleichbare Netzwerke entstanden auf allen Kontinenten. Für den weltweiten Austausch von Daten mußten schließlich nur noch die einzelnen Netzwerke untereinander verbunden und mit demselben Protokoll zur Datenübertragung ausgestattet werden – dem TCP/IP (Transmission Control Protocol/ Internet Protocol). Dieses Protokoll bildet noch heute die Grundlage für die Kommunikation im Internet. Die letzten Server wurden 1990 in das Internet aus dem Grund der weltweiten Erreichbarkeit eingebunden; heute schließt man neue Server nur noch aus Gründen der Geschwindigkeit oder zur Anbindung entlegener Regionen an. Die ausschließlich private Nutzung des Internets außerhalb von Forschungsprojekten der Universitäten begann in Deutschland mit den Providern Compuserve und T-Online im Jahre 1993. Der Startschuß für den Siegeszug des Internets war abgefeuert worden: Vor allem durch die privaten Anschlüsse der letzten Jahre besuchen zehnmal mehr Deutsche das Internet. Kein anderes elektrisches bzw. elektronisches Medium (Telefon, Radio, Fernsehen, BTX) erlebte je einen derartig kometenhaften Aufstieg.

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    3. Die Fachsprache der EDV

"Der Terminus Fachsprache ist, so einfach er gebildet und so verständlich er zu sein scheint, bis heute nicht gültig definiert. Diese Schwierigkeit der Festlegung des Begriffes Fachsprache resultiert vorwiegend aus der Tatsache, daß er kontrastierend zu einem ebensowenig definierten Begriff Gemeinsprache gebraucht wird [...]."

Dennoch haben wir eine Vorstellung von den auch Technolekten genannten Fachsprachen. Sie werden nur von einem eingegrenzten Personenkreis gesprochen, der gegenüber der restlichen Gesellschaft über Spezialkenntnisse eines Fachgebietes verfügt. Sie dienen der schnellen und vor allem eindeutigen Kommunikation unter Fachleuten. Nebensächlich ist dabei, daß die Fachsprache nicht allgemein verständlich ist, zumal die Beherrschung der Fachsprache ohne Kenntnis des jeweiligen Fachgebietes sinnlos erscheint, jedoch eine Verständigung innerhalb eines Fachgebietes die Beherrschung einer Fachsprache schnell erforderlich werden läßt. Termini sind komprimiertes Wissen: das Material einer fachbezogenen Grundsteinlegung.

Die englische Sprache gilt nicht nur als Standard für die abrufbaren Inhalte des Internets, sondern auch für die meisten Termini der Kommunikationstechnologie. Im Gegensatz zu anderen Termini der Unterhaltungselektronik sind viele der Begriffe hier nicht nur Blendwerkzeug der Werbung. Die Kenntnis ihrer Bedeutung zur Einrichtung und Nutzung eines Internetzugangs ist ausgesprochen hilfreich und teils sogar erforderlich.

Betrachtet man die Größe und den Nutzen des Internets, wird schnell klar, welchen Einfluß es auf die zwischenmenschliche Kommunikation und damit auch auf die deutsche Sprache nimmt. Wörter, wie digital, analog oder kompatibel würden sonst nicht so oft in unserer Standardsprache verwendet.

Wenn man sich die im Deutschen verwendeten Bezeichnungen für die Bestandteile einer EDV-Anlage näher ansieht, so stellt man fest, daß die meisten dieser Teile mit englischen, andere aber wiederum mit deutschen Begriffen benannt sind. So spricht man immer vom Drucker, wenn man das Gerät zur Ausgabe von Informationen auf Papier meint. Dem gegenüber nennen wir das Gerät zum Einlesen von Informationen auf Papier Scanner. Wir sagen Arbeitsspeicher und Festplatte, aber Cache und Timing. Daneben existieren zahlreiche Termini in Form von lateinischen Lehnwörtern: Prozessor, Platine, Enumerator, Latenz etc.

Lassen sich daraus allgemeine Aussagen ableiten, etwa in Bezug auf die Frage, wann deutsche Termini zum Einsatz kommen?
Zum einen werden solche Teile des Computers bevorzugt deutsch bezeichnet, die bereits in den frühen Anfängen dieser Technologie entwickelt worden und nicht selten Erfindungen deutscher (später emigrierter) Wissenschaftler sind. Konrad Zuse baute 1941 den ersten voll funktionsfähigen Digitalrechner namens Z3. Obwohl er elektromechanisch mit Relais arbeitete, verfügte er über Bildschirm, Arbeitsspeicher, Tastatur und Drucker. Diese lateinischen Lehnwörter und deutschen Begriffe sind noch heute gängig. Nach dem Krieg entwickelte Zuse seine Rechner in den USA. Sein Z22 war der erste vollelektronische Computer. Fortan stammten sämtliche bedeutenderen Entwicklungen der EDV aus den Vereinigten Staaten. Selbst deutsche Produkte folgten der nun grundsätzlich englischen Terminologie. Eine große Hamburger Softwarefirma nennt sich StarDivision und vertreibt die Büro-Anwendung StarOffice. Daraus wird ersichtlich, daß nur dann ein deutscher Fachbegriff dem englischen vorgezogen wird, wenn er vor oder zumindest zeitgleich, konkurrierend mit dem englischen auftrat.

Zum anderen sind deutsche Bezeichnungen häufig sehr komplex im Vergleich zum englischen Gegenstück. Das Bestreben, den Gegenstand möglichst genau zu bezeichnen, ergibt im Deutschen oft überlange Wortungetüme. So müßte man einen Scanner als optischen Abtaster beschreiben, da das Wort Abtaster allein noch nicht genug Aussage transportiert. Natürlich enthält Scanner keinen Hinweis auf das optische Verfahren, jedoch wird die fehlende Präzision des englischen Terminus im Übersetzungsprozeß verschleiert. Zudem erfährt der Anglizismus bei der Übernahme ins Deutsche eine Bedeutungsverengung, was dazu führt, daß Scanner im Deutschen ein eindeutiger Begriff ist, im Englischen jedoch nicht. Damit entstehen durch Anglizismen kurze, griffige und für den deutschen Sprecher präzise Fachwörter.

Die Terminologie der EDV verwendet Anglizismen aber nicht nur mangels deutscher Entsprechungen, sondern auch dann, wenn gute deutsche Entsprechungen vorliegen. Die Gründe sind der momentane Hang zu englischen Fremdwörtern, vor allem aber ein Streben nach international gültigen Fachbegriffen. Solche EDV-Termini – die im deutschsprachigen Raum immer mit deutschen Begriffen benannt werden, obwohl es englische Entsprechungen gibt – lassen sich an einer Hand abzählen: Datei, Daten und auf Daten basierende Komposita, Drucker, Festplatte und Speicher. Die Auflistung erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit; es dürften sich aber nur mühsam weitere Beispiele finden lassen, bei denen trotz ausländischer Entsprechung der deutsche Terminus bevorzugt wird.

Das vermehrte Auftreten von Initialwörtern, Abkürzungen und Kurzwörtern, die im weiteren als Kürzungen zusammengefaßt werden, vor allem solcher, die auf Fremdwörtern basieren, senken die geringe Transparenz der Fachsprachen noch weiter herab. Aber: "Die vielfach zu findende pauschale Ablehnung der Kurzformen ist nicht gerechtfertigt. Die zunächst so ökonomisch anmutende Abkürzung bringt in vielen Fällen einen Verlust an morphologischer Motivation mit sich. Am wenigsten beeinträchtigt der Verlust an Motivation die Kommunikation dort, wo sprachlicher und außersprachlicher ‚Kontext‘ besonders nachdrücklich die Verständigung unterstützen: im Fachwortschatz, im Fachjargon."

Besonders selten nehmen wir ein deutsches Initialwort in der EDV an. Um so mehr verwundert es, daß ausgerechnet die schwer zu sprechende, mit Umlaut versehene Abkürzung DFÜ (Datenfernübertragung) so gebräuchlich ist, daß sie sogar unter Microsoft Windows verwendet wird. Freilich ist DFÜ eine Ausnahme, sonst finden sich in der deutschen Version von Windows keine echten deutschen Initialwörter.

Die Neigung zu Kürzungen englischen Ursprungs zeigt sich in Form von Werbung in allen Bereichen der Unterhaltungselektronik. Der Hersteller Sony hat sich bei der Erfindung neuer Initialwörter als ausgesprochen findig herausgestellt. Zwei Beispiele der aktuellen Homepage: Ein Verstärker, der feine Details der Musik wegen seines sauberen Innenaufbaus reproduzieren kann, verfügt über SLL (Super Legato Linear). Sein Netzteil mit doppeltem Monoaufbau nennt sich STD (Spontanious Twin Drive). Obwohl eine doppelte Monostruktur große Vorteile für die Klangqualität besitzt, vermeidet man das Wort Mono wohl auch deshalb, weil es Assoziationen mit dem Hifi-Zeitalter vor Erfindung der Stereowiedergabe provozieren könnte.

Oft kennt der Anwender nicht die Bedeutung der Kürzung, geschweige denn deren ausgeschriebene Form. Vielmehr schreibt er dem Vorhandensein eines mit solchen Kürzungen benannten Details einen gewissen Wert zu. Die Werbung nutzt diese mangelnde Transparenz der Kürzungen aus. Sie schafft Bedürfnisse, die der Konsument mit Produkten zu decken versucht, ohne daß er deren tatsächlichen, realen Wert kennt.

Gleichzeitig zeigen sich gegenteilige Tendenzen. Die Bezeichnungen für die immer rascher durch Nachfolger abgelösten Prozessoren der PCs sind dafür ein Beispiel. Während man die IBM- kompatiblen Prozessoren von INTEL – die sogenannte x86er Familie – zunächst mit fortlaufenden Nummern benannte, also 8086, 80186, 80286, 80386 und 80486, ging man dazu über, ihnen klangvolle Namen zu geben: Pentium heißt der konsequenter Weise 80586 zu nennende Prozessor, AMD nennt seine auf K5 und K6 folgende CPU "Athlon".
Mit solchen einprägsamen Namen tarnen die Hersteller den Sachverhalt, daß ihr neuer Prozessor "nur" eine Weiterentwicklung des Vorgängers darstellt, die mehr oder weniger schneller, kleiner und/ oder preiswerter ist. Auch Kombinationen aus Namen, Buchstaben und Zahlen sind üblich. So nennen sich die aktualisierten Pentium- CPUs Pentium II und Pentium III.

Offensichtlich herrscht bei den Werbestrategen Uneinigkeit darüber, welche Form der Benennung vom Kunden bevorzugt wird. Autos werden je nach Hersteller mit Namen (VW Golf), Zahlencodes (BMW 850) oder Kombinationen aus Buchstaben und Zahlen (Mercedes S600) bezeichnet.

Die Menge der Anglizismen ist in der Kommunikationstechnologie nicht überschaubar. Ständig strömen neue Fremdwörter nach, einige setzen sich durch, andere nicht, wieder andere verdrängen bereits vorhandene. Eine solche Dynamik innerhalb einer Fachsprache ist wohl einzigartig und darauf zurückzuführen, daß sie von unglaublich vielen Menschen verwendet wird, die sich in Alter und Herkunft erheblich unterscheiden. Neben der Werbung bringen die Jugendlichen neue Wortbildungen und Wortschöpfungen ein, die nicht immer konventionalisierten Wortbildungsregeln gehorchen. Viele solche Wörter verdankt die Fachsprache der Computer der Hacker-Generation aus den 80er Jahren. Die meist jugendlichen "Freaks" dieser Zeit, die im Internet auch Cyberpunks genannt werden, brachten mit einfachsten Mitteln, aber großer Intelligenz und Raffinesse die Großrechner der Banken, ja sogar des Pentagons durcheinander und zeigten die Schwächen damaliger Sicherungssysteme in eindrucksvoller Weise.

Die technische Faszination und die damit verbundenen Ängste dieser Zeit verkörpert der Film "Wargames - Kriegsspiele" von John Badham aus dem Jahre 1983, in dem es dem Hauptdarsteller Matthew Broderick per Zufall gelingt, sich in den Zentralrechner des Pentagons einzuwählen. Der Computer des Verteidigungsministeriums fordert Broderick zu einer Gefechtssimulation der beiden Supermächte auf; Broderick übernimmt die Rolle der Russen, und der Computer steuert die amerikanischen Reaktionen. Nur knapp entgeht die Welt einer nuklearen Katastrophe, denn die Verteidigungsrechner der damaligen UDSSR glauben, eine reale amerikanische Provokation zu erkennen. Die Situation, die zu eskalieren droht, kann erst in letzter Sekunde als jugendlicher Streich aufgeklärt werden.

Die Tatsache, daß es dem CCC (Chaos Computer Club, Sitz in Hamburg) im selben Jahr gelang, Daten des Frankfurter Zentralrechners der Deutschen Bank zu manipulieren, unterstrich die Glaubwürdigkeit des Filmes. Auch hier war der Motor der ausgeprägte Spieltrieb der Hacker in Verbindung mit dem Reiz des Verbotenen. Zunächst ahndeten die Staatsanwälte Eingriffe in Großrechner mit den bei Wirtschaftsverbrechen üblichen, hohen Gefängnisstrafen. Doch bald belohnten Wirtschaftsunternehmen Hacker, die ihre Vorgehensweise zur Nutzung der Sicherheitslücken preisgaben. Schließlich profitierten sie davon; letztendlich sind die heutigen ausgereiften Sicherheitssysteme, wie PGP (Pretty Good Privacy, etwa "ziemlich gute Privatsphäre") den Hackern zu verdanken. Die Sicherheitssysteme verdanken wiederum den Hackern ihre Namen.

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